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Ladeinfrastruktur

OCPP-Backend wechseln: Wenn der Anbieter abschaltet, bleibt die Hardware

Veröffentlicht am · von Axel Voigt

Everon ist seit dem 1. Dezember 2025 abgeschaltet, und die Ladepunkte hängen weiter an der Wand. Was ein Backend-Wechsel technisch wirklich ist, was vor der Kontoschließung aus dem alten System muss und woran Migrationen in der Praxis scheitern.

Zum 1. Dezember 2025 wurde Everon abgeschaltet — die Plattform, über die EVBox-Ladepunkte verwaltet, freigegeben und abgerechnet wurden. Vorausgegangen war die Entscheidung des Mutterkonzerns Engie, die EVBox-Gruppe abzuwickeln; ausgeliefert hatte EVBox schon seit 2024 keine Ladestationen mehr.

Für die Betreiber bedeutete das nicht, dass ihre Ladepunkte defekt sind. Es bedeutete, dass die Gegenstelle weg ist. Die Station hängt weiter an der Wand, hat weiter ihren geeichten Zähler, ihre Installation und ihre Abnahme — sie spricht nur mit niemandem mehr. Freigabe, RFID, Tarife, Berichte: alles Funktionen, die im Backend lagen, nicht im Gerät.

Genau dieser Unterschied entscheidet über die Kosten. Eine kaputte Ladestation ist ein Hardwareproblem. Ein eingestelltes Backend ist ein Konfigurationsproblem.

Warum das kein Einzelfall bleibt

Eine Ladestation ist eine bauliche Investition mit einer Nutzungsdauer von zehn bis fünfzehn Jahren. Das Backend, das sie steuert, ist ein Abonnement mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten. Diese Asymmetrie ist kein Betriebsunfall, sie ist die Normalform: Jeder Betreiber wird die Software an seiner Ladeinfrastruktur mit einiger Wahrscheinlichkeit mindestens einmal wechseln, während die Hardware stehen bleibt.

Die Auslöser sind austauschbar — Konzernentscheidung, Übernahme, Produktabkündigung, Preisänderung, ein Funktionsumfang, der nicht mehr passt. Interessant ist nicht der Auslöser, sondern die Frage, wie teuer ein Wechsel ist, wenn er kommt. Und diese Frage entscheidet sich lange vorher, nämlich beim Kauf: Wer Ladepunkte beschafft, die nur mit einem einzigen Backend sprechen, hat die Software zusammen mit dem Beton bezahlt.

Was ein Backend-Wechsel technisch ist

Weniger, als die meisten erwarten. Ein Ladepunkt baut die Verbindung zu seinem Backend selbst auf — über WebSocket, zu einer URL, die in der Station konfiguriert ist. Ein Wechsel besteht im Kern darin, diese URL auszutauschen und die Station neu zu starten.

Drei Werte müssen dafür zusammenpassen:

  1. Die Endpoint-URL. Die Adresse des neuen Backends, ws:// oder — für OCPP 1.6 Security und 2.0.1 — wss://.
  2. Die ChargePointId. Der Name, unter dem die Station sich meldet. Er muss auf beiden Seiten identisch sein, Groß- und Kleinschreibung eingeschlossen. Die mit Abstand häufigste Ursache dafür, dass eine Station verbindet, aber im Portal nicht auftaucht.
  3. Zugangsdaten, falls das Backend sie verlangt — bei OCPP über HTTP Basic Auth oder ein Client-Zertifikat.

Danach meldet sich der Ladepunkt selbst an und erscheint zur Freigabe im neuen Portal. Ein Techniker vor Ort ist dafür nicht nötig, solange jemand an die Konfigurationsoberfläche der Station kommt.

Der Rest des Wechsels ist keine Technik, sondern Organisation: Nutzer, Karten, Tarife und Rechnungslauf müssen im neuen System wieder aufgebaut werden. Das ist der Teil, der Zeit kostet — nicht die URL.

Sechs Dinge, die Sie vorher klären sollten

1. Kommen Sie an die Station? Das ist die eigentliche Hürde. Die Konfigurationsoberfläche eines Ladepunkts ist oft passwortgeschützt, und bei Bundle-Angeboten hat die Zugangsdaten häufig der Installateur oder der bisherige Anbieter, nicht der Betreiber. Klären Sie das zuerst — vor jeder Anbieterauswahl. Ohne Zugriff auf die Station ist jeder Backend-Vergleich akademisch.

2. Welches OCPP spricht die Station wirklich? Fragen Sie nach der konkreten Firmware-Version, nicht nach der Produktfamilie. OCPP 1.6J ist die praktische Untergrenze; darunter wird es herstellerspezifisch. Ob eine Station 1.6 Security oder 2.0.1 kann, hängt oft an einem Firmware-Stand, den es kostenlos gibt — aber nur, solange der Hersteller ihn noch ausliefert.

3. Ist die Firmware noch beziehbar? Der unangenehme Sonderfall. Wenn der Hersteller nicht mehr existiert, ist der letzte veröffentlichte Firmware-Stand der letzte, den es je geben wird. Sichern Sie ihn, solange die Downloadseite noch online ist.

4. Wie hängt die Station am Netz? LAN, WLAN oder Mobilfunk. Bei Mobilfunk gehört die SIM-Karte oft dem alten Anbieter und wird mit dem Vertrag abgeschaltet — dann ist nicht das Backend das Problem, sondern die Konnektivität. Prüfen Sie, ob die Station eine eigene SIM aufnehmen kann oder ob ein Umstieg auf LAN oder WLAN sinnvoller ist.

5. Was hängt an der Abrechnung? Wenn eichrechtskonform abgerechnet wird, muss das neue Backend die signierten Datensätze der Station verarbeiten und in einer Form ausgeben, die mit der Transparenzsoftware prüfbar bleibt. Das ist kein Häkchen, das ist ein Prüfpunkt.

6. Läuft Roaming? Ladekarten fremder Anbieter funktionieren nur, wenn die Roaming-Anbindung im neuen Backend wieder eingerichtet ist — über OCPI oder OICP. Für öffentliche Standorte ist das keine Zusatzfunktion, sondern der Umsatz.

Was aus dem alten Konto muss, bevor es weg ist

Der teuerste Fehler bei einer Abschaltung ist kein technischer. Er besteht darin, das alte Portal zu schließen, bevor die Daten heraus sind. Mit dem Konto verschwinden in aller Regel auch die Historie und die Nutzerdaten — und die Aufbewahrungspflichten verschwinden nicht mit ihnen.

Was Sie exportieren sollten, solange Sie noch können:

  • Ladevorgänge und Abrechnungsbelege über den gesamten aufbewahrungspflichtigen Zeitraum, im Rohformat, nicht als PDF-Zusammenfassung.
  • Die eichrechtlich signierten Datensätze, sofern sie im Backend liegen und nicht in der Station.
  • Die Nutzer- und Kartenliste mit den RFID-UIDs. Eine RFID-Karte ist ohne die Zuordnung zu einer Person oder einer Kostenstelle nur ein Stück Plastik — und diese Zuordnung ist genau das, was gelöscht wird.
  • Die Tarif- und Preisstruktur, samt Gültigkeitszeiträumen. Sie werden gefragt werden, warum eine Rechnung aus dem Vorjahr diesen Betrag hatte.
  • Die Stationsstammdaten: Seriennummern, Zählernummern, EVSE-IDs. Vor allem die EVSE-ID, wenn Ihre Standorte in Roaming-Verzeichnissen stehen.

Was bleibt und was neu aufgesetzt wird

Bleibt unverändert Muss neu aufgebaut werden
Ladestation, Zähler, Verkabelung Nutzerkonten und RFID-Zuordnungen
Netzanschluss und Installation Tarife, Preise, Freigaberegeln
Eichrechtliche Zulassung der Hardware Rechnungslauf und Zahlungseinzug
Standort, Montage, Bauliches Roaming-Anbindung (OCPI/OICP)
Lokales Lastmanagement, sofern eigenständig Berichte und Auswertungen

Die linke Spalte ist der Grund, warum ein Backend-Wechsel keine Neuinvestition ist. Die rechte Spalte ist der Grund, warum er trotzdem einen Projektplan braucht.

Der Anschluss selbst: SIM, WLAN und eine Frist im Jahr 2028

Ein Punkt, der bei älteren Ladepunkten regelmäßig übersehen wird und mit dem Backend nichts zu tun hat: Die deutschen Netzbetreiber schalten GSM ab. Die Telekom nennt Ende Juni 2028, Vodafone Ende September 2028 — mit Ausnahmen für kritische IoT-Anwendungen bis 2030 —, Telefónica Ende 2028.

Ladestationen mit einem reinen 2G-Modem verlieren damit ihre Verbindung, unabhängig davon, welches Backend dahinter steht. Wenn Sie ohnehin gerade an der Konfiguration Ihrer Ladepunkte arbeiten, ist das der günstigste Moment, diese Frage mit zu beantworten: Steckt in der Station ein LTE-fähiges Modem, oder ist die Umstellung auf LAN beziehungsweise WLAN der stabilere Weg? Eine Ladeinfrastruktur zweimal anzufassen kostet doppelt.

Gilt das auch für andere Anbieter?

Ja, und zwar aus einem strukturellen Grund. Ladepunkte, die über OCPP angebunden sind, sind an das Protokoll gebunden, nicht an den Anbieter — auch dann, wenn sie ursprünglich als Bundle aus Hardware und Software verkauft wurden, wie es etwa bei reev oder E.ON Drive üblich ist. Die verbaute Hardware stammt in diesen Fällen typischerweise von Herstellern wie ABL, Alfen oder Compleo und spricht OCPP 1.6J oder neuer.

Das heißt nicht, dass jede Station automatisch an jedes Backend passt. Es heißt, dass die Frage eine technische ist und sich beantworten lässt: Hersteller, Typ, Firmware-Version, OCPP-Stand, Zugang zur Konfigurationsoberfläche. Fünf Angaben, und die Antwort steht fest — ohne dass jemand eine neue Wallbox verkauft bekommt.

Wie das mit aCharge aussieht

Die aCharge Cloud ist ein herstellerunabhängiges OCPP-Backend: OCPP 1.6, OCPP 1.6 Security und OCPP 2.0.1 über WebSocket, AC und DC, gemischte Fabrikate in derselben Installation. Darauf sitzen Zugangsverwaltung mit RFID, Tarife, eichrechtskonforme Abrechnung mit SEPA- oder Karteneinzug, Ad-hoc-Laden per QR-Code ohne Registrierung sowie Roaming über Hubject (OICP 2.3) und OCPI 2.2.1.

Zwei Punkte, die im Zusammenhang mit einer Abschaltung besonders zählen:

  • Der Betrieb liegt in Deutschland. Entwickelt in Aachen, betrieben in deutschen Rechenzentren, deutschsprachiger Support.
  • Das Portal kann unter Ihrer Marke laufen. Stadtwerke, Energieversorger und Betreibergesellschaften führen Portal, App und Rechnung im eigenen Namen — was auch heißt, dass Ihre Kunden von einem Wechsel im Hintergrund nichts mitbekommen.

Welche Ladestationen im Feld getestet sind, steht unter Technologiepartner. Und wenn die Leistungsbegrenzung am Standort nicht am Backend hängen soll, sondern lokal weiterläuft — auch bei Internetausfall —, ist das der Job eines Controllers vor Ort und im Beitrag zum dynamischen Lastmanagement beschrieben.

Häufige Fragen

Muss ich neue Ladestationen kaufen, wenn mein Backend abgeschaltet wird? In aller Regel nicht. Wenn die Station OCPP 1.6J oder neuer spricht und Sie an ihre Konfiguration kommen, ist der Wechsel ein Konfigurationsvorgang. Neue Hardware ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Meine EVBox-Ladepunkte sind seit der Everon-Abschaltung offline. Sind die noch zu retten? Die Hardware ist von der Abschaltung nicht betroffen. Entscheidend ist, ob Sie an die Konfigurationsoberfläche der Station kommen und welchen Firmware-Stand sie hat. Beides lässt sich prüfen, bevor irgendetwas beschafft wird.

Wie lange dauert ein Backend-Wechsel? Die Umkonfiguration einer Station dauert Minuten. Der Projektaufwand steckt in der Vorbereitung — Zugänge beschaffen, Daten exportieren, Nutzer und Tarife neu aufsetzen. Rechnen Sie in Wochen, nicht in Monaten, und planen Sie den Umstellungstag so, dass er nicht auf einen Abrechnungsstichtag fällt.

Was passiert mit laufenden Ladevorgängen während der Umstellung? Ein Ladevorgang, der beim Neustart der Station läuft, wird je nach Hersteller beendet oder lokal fortgesetzt. Legen Sie die Umstellung in eine Zeit, in der der Standort nicht genutzt wird.

Können unterschiedliche Hersteller in einem Backend laufen? Ja. Das ist der Zweck eines offenen Protokolls und der Normalfall bei gewachsenen Standorten. In der Praxis unterscheiden sich Hersteller in Details der OCPP-Umsetzung — deshalb gibt es eine Liste getesteter Hardware statt eines pauschalen Versprechens.

Bleibt die Abrechnung eichrechtskonform? Wenn die Station eichrechtskonform misst und signiert, ja — vorausgesetzt, das neue Backend verarbeitet diese Datensätze und gibt sie prüfbar aus. Das gehört auf die Prüfliste, bevor der Vertrag unterschrieben wird.

Wenn Sie es konkret prüfen möchten

Fünf Angaben reichen für eine erste belastbare Aussage: Hersteller, Typ, Firmware-Version, Anzahl der Ladepunkte und die Information, ob Sie an die Konfigurationsoberfläche kommen. Was danach in welcher Reihenfolge passiert, steht auf der Seite zum Backend-Wechsel — inklusive der Ausgangslagen, aus denen Betreiber typischerweise kommen. Oder sprechen Sie uns direkt an: Die Prüfung, ob Ihr Bestand anbindbar ist, kostet Sie nichts außer diesen fünf Angaben.


Stand: 12. August 2026. Angaben zu Dritten nach öffentlich zugänglichen Quellen. Ob eine bestimmte Ladestation an ein bestimmtes Backend angebunden werden kann, hängt von Hersteller, Modell und Firmware-Stand ab und ist im Einzelfall zu prüfen.

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